Gegen das Vergessen

02.05.2017: Die Diagnose „Demenz“ trifft und löst Ängste aus. Weil sich das Leben, wie wir es kennen, unwiederbringlich verändern wird. „Dornbirn gehörte zu den ersten im Land, die sich mit dieser Thematik beschäftigt haben. Im Rahmen der Aktion Demenz wurde besonders in den vergangenen fünf Jahren sehr viel bewegt. Die Integration von Menschen mit Demenz in das tägliche Leben und die Unterstützung von Angehörigen sind wichtig und ich bedanke mich bei allen Engagierten für ihre wertvolle Arbeit“, betont Bürgermeisterin Dipl.-Vw. Andrea Kaufmann. Als „demenzfreundliche Stadt“ zertifiziert werden regelmäßig Veranstaltungen und Aktionen durchgeführt – wie die Fortbildung „Moderne Aspekte der Demenzdiagnostik und Betreuung“ für das Pflegepersonal des städtischen Pflegeheims. Denn der Mensch, den man jahrzehntelang gekannt hat, geht mit der Demenz verloren. Mit ihm die lieb gewonnenen Gewohnheiten und gemeinsamen Erinnerungen. Andere dagegen – die verschütteten Erinnerungen – bringt Demenz zum Vorschein. Jene des Hungers. Weil diese Generation, die aktuell am meisten betroffen ist, die Not des Kriegs erlebt hat. „Auch wenn wir es nicht nachvollziehen können, für den Betroffenen macht sein Verhalten Sinn“, erklärt Dr. Gerald Gatterer. Wenn Essen gesammelt wird. Wenn Sie versprechen, Dinge nicht zu tun und das gleiche Verhalten am nächsten Tag zeigen. Schlicht, weil sie vergessen.

Moderne Aspekte der Demenzdiagnostik und Betreuung - darüber referiert Gerontopsychologe und Psychotherapeut Dr. Gerald Gatterer © Stadt Dornbirn

Erinnerungen festhalten © Lisa Mathis

Ein Psychiater und seine Patientin. „Wie heißen Sie?“ – „Auguste.“ – „Familienname?“ – „Auguste.“ – „Wie heißt ihr Mann?“ – „Ich glaube Auguste.“ „Wo sind Sie hier?“ – „Hier und überall, hier und jetzt, Sie dürfen mir nichts übel nehmen.“ Dieses Gespräch zwischen Alois Alzheimer und Auguste Deter schrieb Medizingeschichte und markierte 1901 den Beginn der Erforschung einer bislang unheilbaren Krankheit, von der in Österreich rund 120.000 Personen betroffen sind. Bis 2050 wird sich diese Zahl mehr als verdoppeln. Rund 60 Prozent aller Demenzen werden durch die Alzheimer-Krankheit hervorgerufen, bei der es zum Abbau von Gehirnzellen kommt. Das führt zur Hilflosigkeit. „Ich habe mich sozusagen verloren“, formulierte Auguste Deter in einem der wenigen klareren Momente. Doch neue Studien zeigen, dass die Erkrankung nicht „erlitten“ werden muss. Demenz kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „ohne Geist“ oder „ohne Verstand“. Sie dient als Oberbegriff für Erkrankungsbilder, die mit dem Verlust der geistigen Funktionen einhergehen. Das bedeutet, diese Menschen verlieren ihr Gedächtnis, die Orientierung und das Verknüpfen von Denkinhalten. Wobei ihre persönlichen Talente und Fähigkeiten erhalten bleiben. Auch das Herz wird nicht dement. So hat jeder Mensch, der an einer Demenzerkrankung leidet, auch andere Wünsche, Bedürfnisse, Sorgen und Ängste. „Die älteren Menschen bis zur mittelgradigen Demenz formulieren ihre Bedürfnisse. Wir müssen nur hinhören“, erklärt Dr. Gerald Gatterer, Gerontopsychologe und Psychotherapeut, beim Vortrag, „ohne sie zu ,verkindlichen‘ oder ,entmündigen‘.“

Positiv altern
Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.“ Mit einem Augenzwinkern und praktischen Beispielen zeigt Dr. Gerald Gatter den aktuellen Umgang mit Betroffen und führt – durch neueste Erkenntnisse der Forschung – zu einem mitfühlenden Zugang. Wo sich die Medizin an Normwerten, Symptomen und Standards orientiert, widmet sich die Pflege auch der Individualität des Menschen. „Bei der mittelgradigen Demenz wird das Hinfühlen wichtig“, so Dr. Gerald Gatterer, „bei schwerer Demenz spielen biografische Aspekte eine wichtige Rolle.“ Wer im Leben fürsorglich war, der übernimmt gern Aufgaben wie kochen. Denn persönliche Talente und Fähigkeiten bleiben erhalten und deren Förderung kann sich positiv auswirken. So kann über Emotionalität ein Beziehungsaufbau erfolgen. Über Düfte, die Erinnerungen wecken. „Menschen mit Demenz sind ,Menschen‘ wie du und ich und deshalb haben sie auch dieselben Bedürfnisse. Sie können sie nur bei fortgeschrittener Demenz nicht äußern.“ Die Erkrankung zeigt dabei verschiedenste Gesichter. Ihr Beginn ist schleichend. Das ständige Verlegen von Gegenständen. Schwierigkeiten, sich Namen zu merken. Die Organisation von alltäglichen Problemen. Alles im Grunde nur „Kleinigkeiten“. Sie dürfen nur nicht zur Regel werden und vor allem zunehmen. Denn dann beginnt sich eine heimliche Furcht einzunisten: Alzheimer? „Wann ist ihnen das letzte Mal das Essen angebrannt?“ Die Frage des Vortragenden sorgt für Schmunzeln. „Kann passieren. Schwierig wird es nur, wenn die Diagnose Demenz lautet.“ Denn im Alltag neigen wir dazu, Verhalten und Bedürfnisse wegen der Demenz zu „pathologisieren“. Das bedeutet, die Verhaltensweisen, Wahrnehmungen, Gedanken, sozialen Verhältnissen oder zwischenmenschlichen Beziehungen werden als krankhaft gedeutet.

Gegen das Vergessen
Wir alle wollen alt werden, aber nicht sofort. Wenn wir Körper und Gedächtnis trainieren, können wir unser biologisches Alter um bis zu einem Drittel reduzieren. Das verzögert den Verlauf der Krankheit, „das bedeutet, wir erleben sie gar nicht“. So bringt es Dr. Gerald Gatterer auf den Punkt und formuliert schlicht den wichtigsten Ratschlag: „Use it or lose it!“ Wichtig dabei: Spaß zu haben! Das gilt für jedes Alter. Auch soziale Kontakte pflegen und weitermachen, so lange es eben geht. Sich Unterstützung holen und auch Betreuung in Betracht ziehen. Die Betreuung ist auch für Angehörige eine Herausforderung. Denn bei Demenz lebend die Betroffene zunehmend in ihrer eigenen Welt. Für den Gesunden selbstverständlich, dass sich das Paar zum Beispiel zu Hause befindet. Der Demenzkranke hat es möglicherweise vergessen und will heimgehen. „Das Wichtigste dabei ist, der Gedanke der Validation, das heißt, dass wir die Patienten da abholen sollten, wo sie sind und in ihrer Welt belassen“, betont Pflegeheimleiterin Andrea Winder. Für sie sind Ausbildung vom Pflegepersonal und Information für Angehörige ein zentrales Anliegen. So engagiert sich auch die Stadt gemeinsam mit zahlreichen Vereinen und Institutionen sowie ehrenamtlich Tätigen Demenz eine Stimme zu geben. In den städtischen Pflegeeinrichtungen wurden Erinnerungsgruppen eingerichtet. Es sind Pflegestationen, die vor allem auf die Bedürfnisse von demenzkranken Bewohnerinnen und Bewohnern abgestimmt sind. Die Arbeitsgruppe hat sich außerdem engagiert dafür eingesetzt, das Thema „Demenz“ sowie Tipps und Anregungen im Umgang mit dementen Menschen in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen. So werden beispielsweise regelmäßig Vorträge unter dem Motto „Rund um die Pflege daheim“ im Treffpunkt an der Ach veranstaltet. Beim Pflegeheim Höchsterstraße wurde ein sogenannter „Gedächtnisparcour“ installiert, „Spaziergänger“ begleiten Menschen mit Demenz in die Natur.